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Sonntag, 22. April 2012

Die Arterienverkalkung hiess Fräulein Frey





Ich erinnere mich:
Die Arterienverkalkung hiess Fräulein Frey



Von einer Alzheimer-Erkrankung hatte damals, als ich ein Bub war, noch niemand gesprochen.
„Die hat „Arterienverkalkung“ flüsterte man hinter vorgehaltener Hand, wenn sich jemand im fortgeschrittenen Alter etwas komisch benahm. Ich meine mich auch erinnern zu können, dass man noch gerne dazu beide Augen ziemlich aufriss, um dem komischen Wort etwas Brisanz zu verleihen.
Doch unter dieser Bezeichnung, Arterienverkalkung, konnte ich mir als Kind nichts konkret vorstellen.
Kalk, ja, das war mir ein Begriff, aber Arterie – hatte das etwas mit Schiessen im Krieg zu tun? Nein, das hiess ja Artillerie.

Aber „die Arterienverkalkung“ hatte für mich ein handfestes Erscheinungsbild.
Sie hatte einen Familiennamen, einen Hund, ein Nachthemd und einen Wecker.
Fräulein Frey
 

Eine altledige Jumpfer, wohnhaft im Einfamilienhaus in der Kurve, am Beginn unserer Strasse, die eine Sackgasse war.
Fräulein Frey war alt, immer schon. Niemand von uns jungen „Stampfäckeler“ – so nannte man im Dorf die vom Quartier unter der Bahnlinie – wären je auf die Idee gekommen, dass Fräulein Frey einmal jung war. Nein, sie war schon immer alt, sehr alt.
Und sie hatte einen „Bless“ – einen schwarzweissen, giftigen Kläffer, vor dem wir immer unheimliche Angst hatten, auch wenn er nie jemandem etwas zu Leide getan hatte. Doch bis ich ein „grosser Junge“ war, getraute ich mich nie an ihm vorbei und regelmässig verliess mich in Anbetracht dieses Hundes alle neu dazugekommene Grösse, schlagartig.
Das hatte jedoch auch Vorteile für meine Mutter, denn sie musste uns, bis wir „gross“ waren, nie dazu ermahnen, uns nicht zu weit vom Haus zu entfernen – denn da war das Ende der Sackgasse und dort der bellende Bless.
Das änderte sich erst mit Rosi, die nach der Strassenkurve im Haus neben Fräulein Frey wohnte. Durch sie wurde ich ein grosser Junge, aber das ist eine andere Geschichte.

Es kam also vor, dass Fräulein Frey manchmal abends – wenn wir Kinder des „Stampfackers“ in der Sackgasse „Völkerball“ spielten, bis uns die  „Bettzeitglocke“ vom Kirchturm nach Hause schickte, – dass also besagtes Fräulein an uns vorbei, in Nachthemd und Hausschuhen schnellen Schrittes zum Bahnhof eilte, um dort an der grossen Bahnhofsuhr die genaue Zeit abzulesen und darauf ihren mitgebrachten, stehengebliebenen Wecker richtig einzustellen.
Das, war die Arterienverkalkung!
Denn damit wurde uns das komische Tun dieser Frau erklärt und jeder von uns wusste nun, was Arterienverkalkung war, nämlich Fräulein Frey.



Nachtrag:
Aus heutiger Sicht, sehe ich diese Marotte von Frau Frey schon etwas differenzierter.
Man muss bedenken, dass es nebst dem Radio, der damals nur alle paar Stunden mittels eines piep-piep-Tones vor den Nachrichten die genaue Zeit ansagte, keine Möglichkeit für Frau Frey gab, im Haus eine genaue Zeit für den stehengebliebenen Wecker zu erhalten. Es gab keinen Fernseher, noch hatten damals alle mehrere Uhren. So war für die alleinstehende Frau der Gang zum Bahnhof am nächsten.
Aber vermutlich sahen die Erwachsenen schon noch einige andere Anzeichen für eine Demenz.

©® Copyright by Herr Oter


:)












Kommentare :

dekoratz hat gesagt…

ich schmeiß mich gleich weg vor lachen, denn ich kenne auch so einen fall von aterienverkalkung. nein, nein, nein den betroffenen war es wohl nicht so lustig um herz und hirn, aber die erklärungsbegründungserläuterung kenne ich genau so!, und ich habe genau so betroffen geschaut, wie alle um mich herum, und ich fand es toll, dass man mich für erwachsen genug hielt, so einen fall in meiner gegenwart zu erläutern ... auweia,lieber herr oter - eine punktlandung - und heutzutage ein so sensibles thema. ein onkel von uns hat es in allen einzelheiten durchlebt und wir vermissen ihn sehr. eine ganz liebe bekannte von mir kämpft mit diesem thema und um ihre mutter. aber wenn wir nicht lernen, uns zu öffnen, loszulassen und dem feind mit einem lächeln entgegen zu sehen, wird uns die zukunft gerade auf diesem gebiet das grausen lehren. ich danke wie immer für den beitrag. - sleep well!

herbst.zeitlosen hat gesagt…

diese kleine Schilderung gefällt mir sehr. Fräulein Frey hat es durch ihre Marotte wenigstens geschafft, in Erinnerung zu bleiben. Und das ist eine stramme Leistung, egal, was dahinter stand. Ich grüße
Monika

Herr Oter hat gesagt…

@dekoratz:
Ja, liebe Barbara, so kennt vermutlich fast jeder jemand mit einer ähnlichen Eigenart. Meine Mutter hatte es leider auch getroffen. Aber es gibt auch sehr viele schöne, lustige und liebenswerte Momente dieser erbarmungslosen Krankheit. Das sollte man nie vergessen, so lässt sich vermutliche das zunehmend Schreckliche eher ertragen. Ich danke Dir für das Feedback.

@herbst.zeitlosen:
Danke Monika, es freut mich, dass Dir die kurze Erzählung gefällt. Fräulein Frey hat bei mir trotz ihrer "kurligen" Art nie einen unangenehmen Eindruck hinterlassen – im Gegensatz zu ihrem Bless, "dank" ihm hatte ich bis vor einigen Jahren grosse Angst vor Hunden.

Liebe Grüsse an beide treuen Leserinnen
Resunad
Resunad

dekoratz hat gesagt…

es ist sehr unterschiedlich, in welchem alter uns die beschreibung einer krankheit begegnet. diese beschriebene aterienverkalkung lernte ich als kind kennen - altsheimer als erwachsener mensch.
der onkel meines mannes hat 2003 jedes klassisch stadium durchlebt und ist nicht daran! gestorben. da waren wir erwachsen und entsetzt, das keiner so recht damit umgehen konnte. aber diese berühmte "aterienverkalkung" hat bei mir schon als kind einen bröckeligen, spannenden? eindruck hinterlassen - man konnte es ahnen, aber leider nicht sehen ...
deine geschichten bringen es auf den punkt!
ich freue mich auf neue.
bis gleich also -
barbara

Anonym hat gesagt…

Ou ja s Fräuli Frei :-) die isch au 12 Johr spöter no mitem Weckerli uf da Bahof und am Sunntig mitem Milchchesseli ins Dorf...nur dr Hund,dä isch nümme xi....villicht hättsine au irgendwenn mol irgendwo vergässe ;-)
T.O.&O.

Herr Oter hat gesagt…

An das Milchchesseli vom Sonntag kann ich mich nicht mehr erinnern, aber vielleicht war es einige Jahre vorher noch nicht ganz so schlimm. Falls sie den Hund irgendwann, irgendwo mal vergessen hat, ist es auch nicht so schlimm, jemand wird sich schon um den fetten Appenzeller-Bless gekümmert haben. Jedenfalls dürfte er bei seinem Übergewicht längere Zeit ohne Essen ausgekommen sein. Mein Freund war das halt nicht.
Danke für's "Miterinnern" und Grüessli